(stm) Wer am Marienplatz steht, kommt an ihm nicht vorbei. Eine Skulptur zeigt einen Mann mit Besen. Das ist August Felten. Viele kennen die Figur, viele kennen Anekdoten. Seine Geschichte kennen nur wenige. Die Bronze steht dort seit dem 4. Mai 2013. Lebensgroß, vor der Hauptfiliale der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin. Geschaffen hat sie der Prignitzer Bildhauer Bernd Streiter, der in Schwerin auch die Bertha-Klingberg-Figur am Burgsee gemacht hat. Der Titel lautet „August Felten find’nen Groschen“. Felten hält einen Groschen aus der Weimarer Zeit ans Auge, darauf steht „Sich regen bringt Segen“. Die Sparkasse stiftete die Figur zu ihrem 190-jährigen Bestehen. Wie bei Klingberg sitzt auch hier ein kleiner Bronzevogel auf der Skulptur. Wer genau hinschaut, findet im Mantel eingeritzte Worte wie „Ein-Euro-Job“ und „Stempeln gehen“ – ein Augenzwinkern des Künstlers. Schon 1924 gab es Postkarten von Felten, heute ist er in Bronze zurück auf der Straße.
August Felten wurde am 8. März 1852 geboren. In eine Arbeiterfamilie in der Wallstraße. 15 Söhne wuchsen dort auf. Die Eltern hatten alle Hände voll zu tun, jeden Tag alle satt zu bekommen. Der Vater ging gern angeln. Er brachte so Fisch auf den Tisch. Bei einer Tour auf dem Schweriner See ertrank der Vater von August Felten. Die Mutter musste danach alles allein tragen. Sie starb mitten im Leben an Asthma.
Wallstraße, Lübecker Straße und ein halbes Jahr Bürgerschule
Felten ging in die Freischule in der Lübecker Straße. Danach kam er auf die Bürgerschule. Dort blieb er nur ein halbes Jahr. Er lernte Fischer bei der Firma Schmetthaus & Säfke. Nach der Lehre arbeitete er als Geselle beim Schweriner Fischer Oberländer.
Die Nacht an der Pumpe in Warnitz
1873 kam der Einberufungsbescheid. Felten musste zum Militär, zum Sanitätsdienst. Dort passierte das Missgeschick, das ihn sein Leben lang begleitete. Bei einem Manöver nahe Warnitz holte er in der Dunkelheit Wasser an einer Pumpe. Ein Kamerad riss am Pumpenschwengel und schlug ihm alle Vorderzähne aus Versehen aus. Bis zu seinem Tod aß Felten mit den Stummeln.
Vollgeschlagen auf dem Außensee
Nach dem Militär heuerte er beim Bootseigner Horn an. Er steuerte einen Kahn auf dem Schweriner See. Kohlen, Ziegel und Steine waren die Fracht. Einmal kenterte fast alles. Sein Kahn war überladen, ein Sturm drückte ihn auf dem Außensee voll Wasser. Felten ging über Bord. Er hielt sich auf einer Bohle über Wasser, bis ihn ein anderer Kahnführer auflas. Das Schicksal seines Vaters blieb ihn erspart.
Mit Knie-Schaden zum Besen
Danach arbeitete er als Gelegenheitsarbeiter beim Eisenbahnbau. Dort wurde sein linkes Knie schwer gequetscht. Zu dem Zeitpunkt war er bereits Rentner und stark gehbehindert. Er setzte sich trotzdem nicht zur Ruhe. Er wurde staatlicher Straßenfeger in Schwerin. Leute, die ihn erlebten, beschrieben ihn als selbstbewusst wie ein Pfau und als Einzelgänger, arbeitsam wie ein Fabrikarbeiter. Die Schweriner sahen über seine Grobheiten hinweg. Sie wussten, er hatte einen guten Kern.
Schon in den frühen Morgenstunden zog er los. Besen und Eimer über der Schulter, durch sein Revier. Sein Gruß war in der ganzen Innenstadt bekannt: „Guten Morgen die Herren, Guten Morgen die schönen Damen!“ Auf dem Wochenmarkt auf dem Markt und Schlachtermarkt lieferte er sich Wortgefechte mit den Marktfrauen. Durch die Gassen zog er oft laut mit Soldatenliedern.
Die Fluch-Lawine am Besen
Kam ihm jemand zu nah an den Besen, konnte es laut werden. Felten konnte sehr wütend werden. Dann folgten wüste Beschimpfungen, oft mit obszönen Worten. Im September 1925 brachte ihm das einen Strafbefehl wegen Beamtenbeleidigung. Er hatte zwei Damen der „besseren Gesellschaft“ beleidigt, weil sie ihm in den Besen gelaufen waren. Den gerufenen Polizei-Wachtmeister bedachte er ebenfalls mit unschönen Worten. Felten legte Einspruch ein. Er sei vom Schutzmann und vom Publikum zu den Äußerungen gereizt worden. Der Einspruch ging durch. Der Strafbefehl wurde aufgehoben.
Schnapsbude am Ziegenmarkt
Seine Pausen machte Felten nach eigenem Plan. Am Ziegenmarkt gab es eine kleine Schnapsbude. Dort traf er sich fast täglich mit seinen „Pappenheimers un Supkumpanen“, wie er sie nannte.
Großes Moor 29 und die Nothilfe
Privat lief es nicht rund. Verheiratet war er mit Marie Rieckhoff aus Gallentin. Mit seinen Söhnen hatte er sich zerstritten, Kontakt gab es keinen mehr. 1925 wohnte er auf dem Großen Moor 29 im Hinterhaus, Stube, Kammer und Küche. Mittags aß er in der Küche der Nothilfe. Manchmal gaben ihm Anwohner der Häuser, vor denen er fegte, ein Essen dazu. Wer ihn kannte, beschrieb ihn so: gebeugt in der Haltung, langsamer und schwerfälliger Gang, das linke Bein zog er mit großer Anstrengung nach.
Vadder Felten mit Herz am rechten Fleck
Am 12. November 1931 starb August Felten. 79 Jahre alt. In Schwerin kannte ihn jeder als „Oll Felten“ oder „Vadder Felten“. Ein einfacher Straßenfeger, der das Herz am rechten Fleck hatte und sich so in die Herzen der Stadt gefegt hatte. Dass heute eine Skulptur am Marienplatz an ihn erinnert, passt. Sie steht für einen einfachen Mann, den die ganze Stadt kannte.

Nach einer Vorlage von Gerd-Renee Dankert, „In der ganzen Stadt bekannt – Straßenfeger August Felten“, erschienen in „die straße“, ein Projekt der ESM-V gGmbH JOB TAFEL. Für schwerin.news neu erzählt.
Quellen dort: Stadtarchiv Schwerin.
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