(stm/red)
Vor wenigen Tagen ging es mit Seilen durch den Pfaffenteich. Am Dienstag zogen Mitarbeiter des Nahverkehrs die Petermännchenfähre per Hand vom Anleger am E-Werk Richtung Nordufer. Mit Paddeln und Seilen, dann hob ein Kran das Schiff auf einen Tieflader. Nach dem Motorschaden im Juni wird die Fähre jetzt im Haselholz für rund 50.000 Euro überholt und soll im April 2027 zurück auf den Teich.

Nicht das erste Fahrzeug dass mit Seilen aus dem Teich geholt wurde
Das Bild ist nicht neu in Schwerin. Mit Seilen aus dem Pfaffenteich gezogen wurde hier schon einmal ein Fahrzeug – nur war es damals ein Lastwagen voller Bier.
Am 15. August 1929 standen Hunderte am Ufer und schauten ungläubig aufs Wasser. Ganz nah am Rand schwamm ein Lastwagen. Darunter elf Fässer Bier. Wie das passieren konnte, sprach sich in Minuten in der ganzen Stadt herum.

Kurz nach acht in der Wilhelmstraße
Es war kurz nach acht Uhr. Ein Lieferwagen der Vereinsbrauerei Lübz kam von der Alexandrinenstraße und bog in die Wilhelmstraße ein. Die Straße fällt zum Pfaffenteich ab, heute heißt sie Zum Bahnhof. Geladen hatte der Fahrer Bier für das Hotel Petermännchen. Vor dem Haus hielt er an, nahm die Papiere in die Hand und ging hinein. Als er wieder auf die Straße trat, war sein Wagen weg.
Was er dann sah, vergaß der Bierkutscher wohl nie. Auf der abschüssigen Straße hatte sich der Wagen selbstständig gemacht. Er war ins Rollen gekommen, hatte das eiserne Sperrgitter am befestigten Ufer durchbrochen und war mit elf Fässern Bier und etlichen Kisten im Pfaffenteich versunken.
Schaulustige am Ufer
Wenige Minuten später rückte die Feuerwehr an. Polizisten sperrten das Areal ab. Der kuriose Vorfall zog immer mehr Neugierige an. Polizei-Schwimmer wurden angefordert. Sie sollten die Fässer bergen. Zuerst klappte es nicht, dann bugsierten die Beamten ein Fass nach dem anderen ans Ufer.
Unter den Blicken der belustigten Zuschauer bauten Feuerwehrleute eine Rampe aus Bohlen bis ins Wasser. Seile wurden um Bäume gelegt, am Wagen festgemacht. Mit Seilwinden versuchten sie, den Lastwagen über die Uferkante wieder an Land zu hieven.
Um 12.30 Uhr wieder auf dem Trockenen
Um 12.30 Uhr war es geschafft. Der Lieferwagen stand wieder auf dem Trockenen. Die Schweriner hatten für Wochen Gesprächsstoff. Im Stadtarchiv ist der Vorfall festgehalten. Akte MB 2373 der Polizeibehörde beschreibt den Einsatz nüchtern. Am Ende steht: „Mit Hilfe der Feuerwehr und Beamten der Ordnungspolizei wurde der Wagen am 15. August 1929 gegen 12 Uhr aus dem Pfaffenteich herausgeholt. Der amtlich anerkannte Sachverständige Herr Ingenieur Patzki stellte am Wagen fest, dass die Bremsen noch etwas fester angezogen werden konnten. Ein Gang war nicht eingeschaltet. Der Wagen wurde in eine Reparaturwerkstatt überführt.“
Ein angezogener Gang hätte den Ausflug in den Pfaffenteich wohl verhindert. So blieb von der Tour zum Petermännchen vor allem eine Geschichte, die in Schwerin bis heute weitererzählt wird – von elf Fässern Bier im Wasser und einem Lastwagen, der kurz nach acht einfach losrollte.
Nach einer Vorlage von Ralph Martini, „Ein Lieferwagen im Pfaffenteich“, aus „Geschichte(n) der Heimat – Altes neu entdeckt“, erschienen in „die straße“, Ausgabe 4 / 2015. Für schwerin.news neu erzählt.
Quelle: Stadtarchiv Schwerin, Akte MB 2373 der Polizeibehörde; Foto: Archiv.
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