(stm/red) Armut gab es in Schwerin schon immer. Wer heute durch die Innenstadt geht, sieht sanierte Häuser und volle Schaufenster. Dahinter liegt eine lange Geschichte von Heilig-Geist-Hospital, Bettelvogt, Armenhaus und Baracken.
Unvorstellbar arm im Mittelalter
Die meisten Menschen im Mittelalter waren nach heutigen Maßstäben unvorstellbar arm. Das Einkommen reichte gerade zum Sattwerden. Wer krank oder alt war und nicht mehr arbeiten konnte, blieb auf Mildtätigkeit angewiesen oder musste betteln. Das war bis in die Neuzeit allgemein akzeptiert. 1282 wird das Heilig Geist Hospital erstmals erwähnt. Es stand im Westen der Stadt, direkt an der Stadtmauer. Dort wurden Arme versorgt und mit Spenden bedacht.
Im 15. Jahrhundert wurde um Schwerin viel Landwirtschaft betrieben. Zu jedem Haus gehörten einmal drei Morgen Hausacker. In den folgenden Jahrhunderten zogen vermögende Bürger immer mehr Grundbesitz an sich. Ein Dokument von 1436 belegt, wie ein gewisser Henzen Tymme einen ganzen Hof samt Vieh kaufte. Der Besitz wanderte zu wenigen Hofbesitzern. Die Folge war mehr Armut in der Stadt.
Donnerstags mit dem Bettelvogt durch die Stadt
Mit der Neuzeit kam Ordnung in das Betteln. 1709 befahl der Regent, dass alle anerkannten einheimischen und arbeitsunfähigen Armen jeden Donnerstag vom Bettelvogt zum Almosensammeln durch die Stadt geführt wurden. An anderen Tagen war Betteln verboten. Fremde Bettler wurden aus Schwerin verwiesen. Wer arbeiten konnte, musste an zwei Tagen in der Woche die Straßen kehren und den Marktplatz fegen.
1787 zählte die Stadt 266 Arme, die offiziell Almosen sammeln durften. An der Faulen Grube, heute Buschstraße, entstand das Heilig Geist Armenhaus. Ein Jahr später kam eine neue Armenordnung. Wer weniger als 23 Taler im Jahr verdiente, bekam die Differenz vom Herzoglichen Armenkollegium. Wer arbeitsfähig war, musste ins Werkhaus in der Bergstraße 18-20.
Rostocker Straße 16: Zwangsarbeit und Rohrhiebe
1823 wurde das neue Armen- und Arbeitshaus in der Rostocker Straße 16 eingeweiht. Die Hausordnung ließ keinen Zweifel: Das Arbeitshaus sollte „arbeitsfähigen Einwohnern, die durch Faulheit, Liederlichkeit, Betteln oder sonstigen tadelswerten Eigenschaften der Kommune zur Last fallen, durch Zwangsarbeit die Gelegenheit zu geben, sich an ein ordentliches Leben zu gewöhnen“. Wer die Arbeit nicht schaffte, bekam drakonische Strafen. Mehrfach am Tag drohten Rohrhiebe.
1890 lebten noch 15 Menschen im Armenhaus, in der Stadt waren 1.010 Hilfebedürftige registriert. Armenhilfe gab es nur noch für Kranke oder Alte, die nicht mehr arbeiten konnten. Die Behörde prüfte jeden Fall vor der Auszahlung. Wer gegen Regeln verstieß, kam ins Arbeitshaus.
Hilfe kam auch über Spenden. Die Bevölkerung spendete viel. Der Großherzog gab jedes Jahr das Brennholz für den Winter. 1855 gründete Friedrich Franz II. das Augustenstift als kirchliches Altersheim. Dazu arbeiteten Vereine und Stiftungen, die sich mit allen Mitteln um die Ärmsten kümmerten.
Baracken am Schwälkenberg und in Görries
1918, nach dem Abdanken des letzten Großherzogs, stellte Schwerin die Fürsorge neu auf. Jugendamt und Wohlfahrtsamt bekamen feste Mitarbeiter, Hilfe wurde gesetzlich geregelt. Die SPD in der Stadtvertretung ließ in den ersten Nachkriegsmonaten verbilligte Lebensmittel verteilen. Arbeitslose bekamen ohne Bedingungen Unterstützung.
1919 baute die Stadt am Schwälkenberg fünf Baracken für Wohnungslose. Als 1929 die Weltwirtschaftskrise kam, stiegen die Fürsorgeausgaben fast auf das Dreifache. Vielen drohte Obdachlosigkeit. Die Stadt ließ am Stadtrand in Görries noch einmal fünf Baracken mit 40 Wohnungen bauen. Viele Bewohner konnten wegen Alkoholsucht nicht mehr allein wohnen.
Mauer um den Ziegelhof in Lankow
Im Dritten Reich änderte sich der Umgang rigoros. Die NSDAP-Kreisleitung schrieb an den Oberbürgermeister und forderte „die Räumung der Elendsquartiere und die Isolierung ihrer Bewohner“. Der Ziegelhof in Lankow, wenige Monate später gebaut, entsprach genau dem. 50 sogenannte Volkswohnungen entstanden hinter einer 2,30 Meter hohen Mauer. Am einzigen Eingang stand ein Polizeiposten. Viele, die Sozialleistungen bekamen, wurden von den Nationalsozialisten als „asozial“ eingestuft und in Konzentrationslager gebracht.
Ab 1946 kein Massenproblem mehr
Am 8. Mai 1945 war das Reich nach zwölf Jahren vorbei. Schwerin war überfüllt mit Flüchtlingen, Überlebenden der Todesmärsche und ehemaligen Kriegsgefangenen. Die Amerikaner als Befreier taten sich schwer, die zum Teil unterernährten Menschen unterzubringen. Ganze Straßenzüge wurden geräumt, deutsche Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen.
Ab Frühjahr 1946, nun unter sowjetischer Verwaltung, entspannte sich die Lage spürbar. Obdachlosigkeit und Armut waren in den folgenden 44 Jahren kein Massenproblem mehr.
Von der Faulen Grube bis zum Ziegelhof zeigt sich: Wie Schwerin mit Armut umging, war immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Zwischen Mildtätigkeit, Zwangsarbeit, Fürsorge und Ausgrenzung liegen Jahrhunderte Stadtgeschichte, die bis heute nachwirken.
Nach einer Vorlage von Ralph Martini, „Einst erhielten arbeitsunfähige Menschen Armenhilfe – Armut gab es in Schwerin schon immer“, erschienen in „die straße“, Ausgabe 1 / 2017. Für schwerin.news neu erzählt.
Quellen dort: Stadtarchiv Schwerin












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