Als in Schwerin noch Geld geschlagen wurde – Münzerhestellung in Schwerin und Mecklenburg
Vom Denar bis zur Großherzoglichen Münze – fast 600 Jahre Münzgeschichte zwischen Dömitz, Schloss und Ministerpalais

(stm/red)

Bevor in Schwerin mit Scheinen bezahlt wurde, wurde hier Geld im wörtlichen Sinn geschlagen. Die Geschichte der Münzherstellung in Mecklenburg beginnt im Mittelalter und sie ist eng mit Schwerin verbunden – auch wenn die Stadt selbst lange gar nicht prägen durfte.

Silber wiegen statt Münzen zählen

Bis ins hohe Mittelalter gab es in Mecklenburg kein einheitliches Geld. Silbergegenstände wurden zerkleinert, abgewogen und gegen Waren getauscht. Eine eigene Münze ist für Schwerin erst im 14. Jahrhundert nachweisbar. Um 1370 ist erstmals vom „Schweriner Denar“ die Rede. Das klingt nach städtischer Münze, war es aber nicht. Die Stadt Schwerin besaß keine Münzgerechtigkeit, also nicht das Recht, eigene Münzen zu prägen. Geprägt wurde deshalb fast sicher im Auftrag der Grafen von Mecklenburg-Schwerin oder des Schweriner Bischofs. Nur sie hatten das Münzrecht inne.

Was damals durch die Hände ging, war der Pfennig. In Schwerin und Mecklenburg hieß er „Vienkenoge“. Von 1246 bis 1370 war er die einzige geschlagene Münze im gesamten Norden. Und er hatte einen guten Ruf: Bis 1354 galt der Schweriner Pfennig als wertbeständig, weil Edelmetallgehalt und Prägung stimmten. Weil im Herzogtum so viele verschiedene Münzen mit völlig unterschiedlichen Werten umliefen, ließ der mecklenburgische Herzog schließlich eine eigene Münzwerkstatt einrichten – die „Münze“. Rechnen mit Geld war damals alles andere als einfach. Wer Geld hatte, musste viele Sorten kennen und ihren Wert einschätzen.

Wo die Münze stand: Dömitz, dann das Schloss

Lange lag die Münzstätte gar nicht in Schwerin. Bis 1695 befand sich die Werkstatt des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin in Dömitz. Erst danach wurde sie nach Schwerin in ein Gebäude im Schloss verlegt. Später, in den Jahren 1759 bis 1778, entstand in Schwerin ein eigenes Münzgebäude für die neuen Prägeverfahren.

Schlagen, Walzen, Pressen – wie die Münze entstand

Bis um 1550 wurden Münzen geschlagen. Dafür schmiedete man ein rundes Eisenstück zurecht und schnitt auf dessen glatter Seite – dem Kopfstück – das Münzbild mit Sticheln spiegelverkehrt ein. Der Münzrohling lag zwischen Ober- und Unterstempel. Mit dem Prägehammer erhielt er dann von einer Seite seinen Schlag. Anfangs reichte ein Stempel für beide Seiten, später nutzte man verschiedene Oberstempel, um Vorder- und Rückseite getrennt mit Motiven zu versehen.

Wie stark das Material beansprucht wurde, zeigen die Haltbarkeiten: Ein Unterstempel hielt im besten Fall rund 10.000 Schläge aus. Der Oberstempel, auf den der Hammer direkt traf, musste deutlich früher ausgewechselt werden.

Im Mittelalter trug der Münzmeister große Verantwortung. Er war für die Legierung zuständig, also dafür, wie viel edles Metall tatsächlich in der Münze steckte. Ob eine Münze „rein“ war, ließ sich nur über das Gewicht prüfen. Die Versuchung, den Anteil an Gold und Silber zu verringern und durch billigeres Kupfer und Zinn zu strecken, war groß. Was dabei an Edelmetall übrig blieb, konnte beiseite geschafft werden – aus dem Münzmeister wurde ein Falschmünzer.

Wie hart das bestraft wurde, zeigt ein Fall aus Mecklenburg-Schwerin. Der Münzmeister Simon Lüdemann hatte für den Herzog Münzen prägen lassen, die zu leicht waren. Auf Geheiß des Herzogs wurde er in Gewahrsam genommen und erst wieder freigelassen, als er versprach, künftig Münzen mit korrektem Gewicht zu schlagen. Er hielt sich nicht daran. Wegen Falschmünzerei wurde er schließlich zum Tode durch das Schwert verurteilt.

Weil das Schlagen auf Dauer unwirtschaftlich war, veränderte sich die Technik. Ab 1550 kam die Walzenprägung auf. In Schwerin setzte man später auch sogenannte Taschenwalzwerke ein. Sie waren kleiner, arbeiteten nur mit zwei Prägestempeln und konnten auf einem Prägestreifen in einem Arbeitsgang mehrere Münzen prägen. Allerdings hatte das Verfahren zwei entscheidende Nachteile: Die Prägestempel mussten oval sein, weil die rotierenden Walzen das Bild auf der Münze verzerrt auftrugen. Und die Rohlinge kamen nicht gerade, sondern leicht gebogen aus der Maschine.

Deshalb wandte man sich wieder davon ab. Hammerwerke, bei denen ein senkrecht auftreffender Stempel die Münze schlug, kamen zum Einsatz. Ende des 17. Jahrhunderts folgten Spindelpressen, bei denen der Oberstempel mit Druck auf den Unterstempel wirkte. Diese Technik prägte die Münzherstellung bis ins 19. Jahrhundert.

Einen letzten großen Schritt machte Schwerin ab 1820. Kniehebelwerke hielten Einzug. Ihren Namen verdanken sie Hebeln, die dem menschlichen Knie nachempfunden sind. Sie arbeiteten präziser und erforderten deutlich weniger Kraftaufwand als die alten Pressen.

„Großherzogliche Münze“ am Pfaffenteich – und ihr Ende

In den Jahren 1828 bis 1829 wurde die Schweriner Münze noch einmal grundlegend rekonstruiert. An der Fassade ließ man den neuen Rang in goldenen Lettern ablesen: „Großherzogliche Münze“. Zur Fertigstellung wurde eigens eine Medaille geprägt. Auf ihrer Rückseite trug sie die Inschrift „Die Münze in Schwerin 1829“.

Lange währte dieser Glanz nicht mehr. 1850 endete die Münzherstellung in Schwerin endgültig. Das Münzgebäude wurde umgebaut und diente fortan als Wohnung des Ministerpräsidenten – das heutige Ministerpalais, heute Teil der Staatskanzlei am Pfaffenteich. Mit der Reichsgründung ging 1871 das Münzrecht schließlich von den einzelnen deutschen Staaten auf das Reich über.

Wer heute über die Schlossinsel oder am Pfaffenteich entlanggeht, läuft damit auch an einem Stück Wirtschaftsgeschichte vorbei. Vom einfachen Hammerschlag über Walzen und Spindelpressen bis zum Kniehebelwerk lässt sich an Schwerin ablesen, wie aus Handarbeit Präzisionstechnik wurde – und wie sehr der Wert des Geldes einst vom Gewicht und vom Gewissen des Münzmeisters abhing.


Nach einer Vorlage von Gerd-Renee Dankert, „Verschiedene Arten der Prägung – Münzherstellung in Schwerin und Mecklenburg“, erschienen in „die straße“, Ausgabe 1/2014. Quellen dort: Wilhelm Jesse, Geschichte der Stadt Schwerin, Band 1 und 2; http://www.der-verlorene-haufen.de/html_seiten/biblio_masse_gewichte.html;

Für schwerin.news neu recherchiert und geschrieben.


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