Hexenjäger, Kommunisten, Säufer und Doktoren: Wer Schwerin alles schon regierte

(stm/red)

Seit dem 6. Juli sitzt Sebastian Ehlers im Schweriner Rathaus. 80 Tage ist er jetzt Oberbürgermeister. Der kürzeste Vorgänger im Amt brauchte nur zwölf Tage. Der längste blieb 43 Jahre. Dazwischen liegen mehr als 650 Jahre Stadtgeschichte.

In Schwerin gab es lange zwei Bürgermeister gleichzeitig. Einer hatte den Vorrang. Seit 1919 heißt er Oberbürgermeister. Das Buch „Schwerin – Geschichte der Stadt“ listet 90 Bürgermeister namentlich auf. Der erste, von dem der Name überliefert ist, heißt Hermann Wickendorp. Er führte die Stadt von 1353 bis 1358.

43 Jahre am Stück

Einige Bürgermeister haben die Stadt lange geprägt. Karl Tackert amtierte von 1883 bis 1911, Wilhelm Christoph Ludolph Brandt von 1763 bis 1800. Länger blieb nur Rudolph Christian Heinrich Kahle. Er war von 1800 bis 1843 im Amt, 43 Jahre ohne Unterbrechung. Das steht so in den Akten im Stadtarchiv.

Warum es so spät eine Kette gab

Eine Amtskette, die von Bürgermeister zu Bürgermeister weitergegeben wird, gab es in Schwerin lange nicht. Als Residenz der Herzöge war die Stadt politisch nie eigenständig. Aktenkundig wird eine Kette erst in der DDR. Dr. Helmut Oder trug sie 1985 zur 825-Jahr-Feier. Auf Fotos von 1987, beim Besuch von Erich Honecker zum Bauernkongress, ist bereits eine neue Kette zu sehen.

Bekannt ist vor allem die Kette mit dem Schweriner Reiter als Keramik-Medaillon. Es ist eine Halskette aus Stahlblech. Für offizielle Termine wird sie nicht mehr genutzt.

Hexenjäger im Rathaus: Das düsterste Kapitel am Markt

Simon Stamwede war von 1669 bis 1702 Bürgermeister. In dieser Zeit ließ er Dutzende Menschen als Hexen und Hexer zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilen. Die Urteile blieben jahrhundertelang formal gültig. Erst 2016 erklärte die Stadtvertretung die Verurteilten auf Antrag der Wählergemeinschaft Aktion Stadt und Kulturschutz für moralisch unschuldig und rehabilitierte sie.

Der Name hinter dem Bade-Platz

Der Bürgermeister-Bade-Platz erinnert an Heinrich Ludwig Carl Christian Bade. Er wurde 1823 in Röbel geboren und starb am 30. März 1908 in Schwerin. Bade studierte Jura, arbeitete als Rechtsanwalt in Güstrow und kam 1858 als Senator nach Schwerin. 1866 wurde er Polizeidirigent, 1879 Zweiter Bürgermeister, 1883 Erster Bürgermeister. Noch im selben Jahr ernannte man ihn zum Geheimen Hofrat. Bade kümmerte sich vor allem um Schulen und um die Feuerwehr. 1898 bat er aus gesundheitlichen Gründen um den Ruhestand. Der Magistrat versetzte ihn zum 1. Juli 1898 in den Ruhestand.

Chaosjahr 1945: Fünf Chefs in zwölf Monaten

1945 wechselte die Spitze im Rathaus fünfmal. Nach der Befreiung durch die Amerikaner blieb der NSDAP-Oberbürgermeister Richard Crull noch bis zum 12. Mai im Amt. Danach kam Dr. Jürgen Berlin. Er blieb zwölf Tage. Kürzer war niemand im Amt. Nach ihm folgte Dr. Heinz Maus für 74 Tage. Er ging danach in die Landesregierung. Ihm folgte Erich Wiesner, der erste Kommunist im Amt. Er blieb bis zum 30. November und wechselte dann ebenfalls in die Landesregierung.

Am 1. Dezember 1945 übernahm Christoph Seitz. Akten im Landesarchiv beschreiben seinen Stil als diktatorisch. Der gebürtige Rostocker galt als alkoholabhängig. In den Akten steht, dass Polizisten ihn mehrfach betrunken aus Gaststätten holen mussten. Seine Zeit endete 1949. Danach ging er an die Botschaft in Prag.

Erste Frau im Amt

Am 1. Januar 1950 wurde Johanna Blecha Bürgermeisterin. Sie war die erste Frau in diesem Amt in Schwerin. Die zweite folgte erst 2008 mit Angelika Gramkow als Oberbürgermeisterin.

Abwahl wegen Fall Lea-Sophie

Norbert Claussen wurde 2002 Oberbürgermeister. Nach sechs Jahren wurde er abgewählt. Er war damit der erste abgewählte OB der Stadt. Anlass war der Tod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Lankow. Das Kind war verhungert. Claussen trug als Chef der Verwaltung die Verantwortung für das Jugendamt. Er wies eine Mitverantwortung zunächst zurück. Ein Untersuchungsausschuss der Stadtvertretung stellte fest: Bei korrektem Handeln der Behörden wäre der Tod vermeidbar gewesen. Nach der Abwahl gewann Angelika Gramkow die Neuwahl knapp.

Acht Doktoren, zwanzig Oberbürgermeister – und der Wechsel 2026

Dr. Rico Badenschier war der achte promovierte Bürgermeister der Stadt. Drei Doktoren amtierten in der NS-Zeit, vier in der DDR unter der SED. Der letzte SED-Oberbürgermeister war Dr. Helmut Oder.

Seit 1919 zählt Schwerin die Oberbürgermeister gesondert. Am 25. Mai 1990 wählte die erste frei gewählte Stadtvertretung nach der Wende Johannes Kwaschik. Er war Mitbegründer der SPD in der DDR und blieb bis 2002. Ihm folgte Norbert Claussen. In dieser Zählung war Rico Badenschier der 20. Oberbürgermeister. Er startete am 1. November 2016 und wurde 2023 für eine zweite Amtszeit gewählt. Diese zweite Amtszeit endete früh. Am 17. September 2025 erklärte Badenschier den Rücktritt zum 1. Januar 2026. Er arbeitet seitdem wieder als Arzt.

Nachfolger ist Sebastian Ehlers von der CDU. Er gewann die Stichwahl am 26. April 2026 gegen Mandy Pfeifer und trat am 6. Juli 2026 an. Er ist der 21. Oberbürgermeister seit 1919. Die Liste reicht damit von Hermann Wickendorp 1353 bis heute. Wer im Rathaus am Markt arbeitet, steht in einer langen Reihe – zwischen zwölf Tagen und 43 Jahren. Ehlers ist stand heute 80 Tage im Amt.


Nach einer Vorlage von Ralph Martini, „Die kürzeste Amtszeit betrug nur zwölf Tage – Die Bürgermeister Schwerins“, erschienen in „die straße“, Ausgabe 6 / 2016-17. Für schwerin.news neu erzählt und aktualisiert.


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