(stm) Wer wissen will, ab wann in Schwerins Bussen und Straßenbahnen niemand mehr mit Münzen und Scheinen zahlen kann, bekommt beim Nahverkehr Schwerin derzeit keine Jahreszahl. Kein Termin, kein veröffentlichter Beschluss, keine Zusage. Was es gibt, ist ein Satz aus dem Sommer 2025, eine Flotte, die in diesen Wochen umgerüstet wird – und siebzehn neue Busse, in denen die Antwort schon heute lautet: gar nicht mehr.
Denn während über den Zeitplan gestritten wird, ist der Abschied vom Bargeld im Fahrzeug in Teilen längst vollzogen. „Wer also in einem neuen Bus unterwegs ist, findet dort ausschließlich den IDA-Automaten“, heißt es in der aktuellen Ausgabe der NVS-Mitarbeiterzeitung hauspost vom September 2026. Gemeint sind dreizehn neue Gelenkbusse des Typs Citaro G und vier Fahrzeuge des Modells CapaCity L. Wer dort zusteigt und kein Handy, keine Bankkarte und kein Konto hat, kann im Fahrzeug nichts mehr kaufen. Nicht ausdrücklich beschlossen, nicht groß angekündigt – sondern als Mitgift der Beschaffung.
In den Bestandsfahrzeugen sieht das anders aus. Dort kommt der IDA-Automat zu den bisherigen Ticket-Automaten hinzu, beide können parallel genutzt werden. So steht es in derselben Ausgabe, und so hat es der Nahverkehrr jetzut kürzlich am 22. September auch dem Behinderten- und dem Seniorenbeirat vorgetragen. Auf einer Folie der Präsentation heißt es: „Bestehende Verkaufswege bleiben erhalten!“ Darunter, als nächster Schritt: IDA-Geräte in allen Bussen und Straßenbahnen, dazu eine Prepaid-Karte unter dem Namen IDAcard. Und in kleiner Schrift, was in solchen Präsentationen selten fehlt: Änderungen vorbehalten.
Genau diese Formel ist der Kern der Sache. Der Nahverkehr Schwerin hat ein Ziel, ein Förderprogramm des Bundes im Rücken und einen Zeitplan im Kopf – aber er hat sich, Stand heute, auf kein Jahr festgelegt, an dem der letzte Bar-Automat aus dem letzten Fahrzeug verschwindet.
Die einzige Jahreszahl, die das Unternehmen selbst in die Welt gesetzt hat, stammt vom 23. Juli 2025. Damals startete der Feldversuch mit IDA, dem ID-based Ticketing, zunächst in fünfzehn Straßenbahnen. In der Pressemitteilung heißt es: „Ziel ist es, ab 2027 ein vollständiges Echtsystem einzuführen, das die bisherigen Fahrkartenautomaten in den Fahrzeugen komplett ersetzt.“ Komplett ersetzt. Nicht ergänzt, nicht teilweise. Auf deer Projektseite des Bundes zum Förderprogramm „Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme“ steht dieselbe Zielmarke, dort mit der Erwartung, das Echtsystem gehe „voraussichtlich Ende 2026“ in Betrieb.
Parallel dazu hat Geschäftsführer Thomas Schlüter im August 2025 gegenüber dem Nordkurier eine Zusage gemacht, an der man ihn wird messen können. Bis Ende kommenden Jahres, so Schlüter, werde es auf jeden Fall parallel immer auch noch die klassischen Fahrkartenautomaten geben. Ende 2026 – das ist in gut drei Monaten. Ein Anschlussdatum ist nicht überliefert. Was Schlüter damals ebenfalls sagte: Dass auch in den Bussen digital bezahlt werden könne, werde erst möglich sein, wenn das System installiert sei, für das sich der Nahverkehr nach der Ausschreibung entschieden habe, voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2026. Auch das passiert gerade. 2027 würde dann Schluss sein mit Barzahlung in Bus und Bahn.
Man kann sich nun streiten, was schlimmer wiegt: der Satz aus dem Sommer 2025 oder die vorsichtigen Formulierungen im Seniorenbeirat. Für Fahrgäste ist die Antwort eindeutig. Beides beschreibt denselben Vorgang, nur mit unterschiedlichem Mut zur Klarheit. Der Umbau erfolgt flottendeckend. Auf der NVS-Internetseite ist die eigene IDA-Chronik als Meilenstein-Grafik abgebildet: Unter der Stufe „Echtsystem IDA 3.0“ stehen der Einbau von Geräten in allen Fahrzeugen und der Einsatz auf allen Linien. Auch die Straßenbahnen sind längst dran – in allen dreißig Wagen lässt sich seit September 2025 kontaktlos zahlen. Wer also argumentiert, die Sache betreffe nur neue Fahrzeuge, verkennt, dass Bestandsfahrzeuge in diesen Wochen neue Geräte bekommen. Neu ist dann nicht das Fahrzeug, sondern das, was darin hängt.
Hinzu kommt eine Schweriner Besonderheit, die den Vorgang schärfer macht als anderswo. In Berlin können Fahrgäste seit September 2024 im Bus nicht mehr bar zahlen – sie können aber weiterhin zum Fahrer gehen. Auf Sylt gilt dasselbe seit Juni 2026, dort mit Prepaid-Karte als Bargeldersatz. In Schwerin gibt es diese Auffanglinie nicht. In den Tarifbestimmungen, die seit Februar 2026 gelten, sind als Verkaufswege Kundencenter, Vertragspartner, stationäre Automaten, mobile Automaten im Fahrzeug, App und IDA aufgeführt. Ein Verkauf durch das Fahrpersonal ist nur für die Fähre Petermännchen geregelt, dort ausdrücklich „passend und in bar beim Betriebspersonal“. In Bus und Bahn hingegen ist der Automat die einzige Bar-Option an Bord. Fällt er weg, fällt sie weg, ohne Rest.
Verschwinden wird das Bargeld aus dem Schweriner Nahverkehr deshalb trotzdem nicht. „Nur“ in den Fahrzeugen halt nicht mehr. Wer bar zahlen will, kann das an den Automaten an zwölf Haltestellen und im Sieben-Seen-Center, im Kundencenter am Marienplatz und bei den Vertriebspartnern in Dreescher Markt, an der Rahlstedter Straße und am Platz der Freiheit.
Und die angekündigte Prepaid-Karte, seit der Pilotphase eine der häufigsten Rückmeldungen von Fahrgästen, soll nach Angaben des Unternehmens bereits in Vorbereitung sein: Mit ihr sollen IDA-Tickets künftig auch ohne Smartphone und ohne Bankkarte zu kaufen sein. Für alle, die kein Konto haben, entscheidet sich daran, ob der Umbau eine Zumutung oder eine Verbesserung ist.
Dass der Nahverkehr genau an dieser Stelle vorsichtig formuliert, hat anscheinend Gründe. Die Präsentation vor dem Behinderten- und dem Seniorenbeirat endete nicht mit einer Ankündigung, sondern mit Fragen: Wo sehen Sie Bedienhürden? Welche Informationen sind für Sie besonders wichtig? Und, bemerkenswert deutlich: Wo sind analoge Alternativen weiterhin notwendig? Wer solche Fragen stellt, hat die Antwort noch nicht. Dazu passt, dass eine Änderung der Barzahlungsmöglichkeit nicht nur eine technische Frage ist. Sie berührt die Beförderungsbedingungen und damit einen genehmigungspflichtigen Teil des Tarifs. Sie berührt die Barrierefreiheitsziele des Nahverkehrsplans. Und sie fällt in eine Zeit, in der in Brüssel über eine Bargeldannahmepflicht verhandelt wird, deren Ausnahmen derzeit auch Fahrkartenautomaten betreffen könnten – der Verbraucherzentrale Bundesverband hat erst im September gewarnt, genau das dürfe nicht passieren.
Für die Schwerinerinnen und Schweriner bleibt damit eine unbefriedigende Lage. Der Nahverkehr hat ein klares Ziel formuliert und es nie zurückgenommen. Er hat gleichzeitig nie gesagt, wann er es erreicht. Die Bestandsgarantie von Geschäftsführer Schlüter läuft zum Jahreswechsel aus. Ab dann kann es jeden Monat so weit sein, und es kann genauso gut noch Jahre dauern – etwa weil der geplante Verkehrsverbund Westmecklenburg künftig über Tarif und Vertrieb mitentscheidet, oder weil die angekündigte Ausschreibung für das Echtsystem Fragen aufwirft: Auf der Vergabeseite der NVS steht bis heute, es seien keine Vergaben bekannt zu geben.
Offen bleibt damit vor allem eine Zahl. Wer heute schreibt, das Bargeld werde im Schweriner Nahverkehr ab 2027 abgeschafft, schreibt mehr, als belegt ist. Richtig ist: Die NVS hat 2027 als Zielmarke genannt, Ende 2026 als Ende der Parallelphase zugesagt, und seither kein Datum nachgelegt.
Richtig ist auch: In siebzehn Bussen ist es bereits so weit. Wer wissen will, wie lange er im Rest der Flotte noch mit Münzen zahlen kann, sollte die Frage nicht an die Zukunft richten, sondern an den Nahverkehr. Und ob ab 2027 in allen Bussen und Bahnen kein Bargeldautomat mehr steht – ist bisher nicht klar beantwortet.
http://www.schwerin.news wird anfragen – und schauen, ob es eine klare Antwort geben wird. Sobald der NVS auf die Anfrage reagiert, wird http://www.schwerin.news erneut berichten.












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